ProspeKtive

Was wäre, wenn das Problem nicht der verfügbare Platz wäre?

August 2026

Der Experte / Die Expertin

Delphine Minchella

Delphine Minchella

Lehrender und forschender Professor für Management
Doktor in Strategischem Management
EM Normandie - Laboratoire Métis

Wann immer über die Gleichstellung von Menschen mit Autismus am Arbeitsplatz diskutiert wird, tauchen immer wieder dieselben Empfehlungen auf: Lärm reduzieren, die Beleuchtung regulieren, ruhige Räume schaffen und sensorische Reize begrenzen. Ist das wirklich der Kern des Problems? Reicht es aus, einfach nur den Arbeitsplatz neu zu gestalten?

In den letzten rund zehn Jahren ist die wissenschaftliche Literatur zu diesen Themen erheblich gewachsen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass ein gut gestaltetes Umfeld fast schon ausreichen würde, um eine Organisation inklusiv zu gestalten. Zugegebenermaßen ist dieser Ansatz nützlich, doch er übersieht einen entscheidenden Aspekt. Er konzentriert sich in erster Linie auf Menschen, die ihre Bedürfnisse äußern, diese Einrichtungen nutzen und Kompensationsstrategien entwickeln können. Mit anderen Worten beschreibt er Räume, die für neuroatypische Arbeitnehmer konzipiert sind, die relativ unabhängig sind.

Was bleibt von diesen Erkenntnissen, wenn es um die Unterstützung von Menschen mit schwerem Autismus – die möglicherweise nonverbal sind – in Verbindung mit einer geistigen Behinderung geht? Genau diese Frage hat mich dazu veranlasst, die Arbeit des Vereins VETA – „Vivre et Travailler Autrement“ – zu untersuchen. [1] Seit über zehn Jahren unterstützt diese Organisation Erwachsene, die als am weitesten von der regulären Arbeitswelt entfernt gelten, dabei, eine Stelle in konventionellen Unternehmen (Produktionsstätten) zu finden. Ihr Ziel ist es, sicherzustellen, dass diese Menschen ihren Platz in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt finden. Ich hatte daher erwartet, radikal veränderte Arbeitsräume vorzufinden, doch dem war nicht so.

Zwar wurden Anpassungen vorgenommen, doch sind diese weder umfangreich noch spektakulär. In den meisten Fällen zielen sie in erster Linie darauf ab, das Arbeitsumfeld übersichtlicher und vorhersehbarer zu gestalten, insbesondere durch die Minimierung von Ablenkungsquellen und Unvorhergesehenem sowie durch die Schaffung einheitlicher Orientierungspunkte. So müssen beispielsweise die zur Ausführung der Aufgaben erforderlichen Werkzeuge leicht zu erkennen sein und an einem festen Ort aufbewahrt werden. Ebenso tragen eine klare Beschilderung, die das Auffinden der verschiedenen nützlichen Bereiche erleichtert, sowie die Bereitstellung eines Selbstregulierungsraums (welcher Art auch immer), in dem sich die Person vorübergehend von Reizen zurückziehen kann, dazu bei, das Arbeitsumfeld für die Person mit Autismus sicherer zu gestalten. Es sollte also keine abgerissenen oder neu errichteten Trennwände geben, keine Schallschutzmaßnahmen und keine Farben, die vermieden oder bevorzugt werden müssen. Es sind jedoch weitere Vorbereitungen erforderlich, die sich diesmal darauf konzentrieren, dass die Person mit Autismus die Aufgaben erlernt, sowie auf das Management und den Informationsstand der Kollegen zum Thema Autismus. Selbst wenn von ihnen nicht erwartet wird, eine aktive Rolle bei dieser Gleichstellung zu spielen, ist es in der Tat unerlässlich, dass sie genau verstehen, was diese Behinderung mit sich bringt und welche soziale Rolle sie einnehmen, wenn sie sich bereit erklären, mit einem Kollegen mit Autismus zusammenzuarbeiten, bei dem eine schwere Form der Erkrankung vorliegt.

Eine besonders interessante Erkenntnis ist, dass die durch VETA erreichten Gleichstellungen wertvolle Einblicke in die räumliche Anpassung dieser autistischen Personen liefern, wenn sie bereits seit mehreren Jahren in einem Unternehmen arbeiten. Sie zeigen, dass viele von ihnen im Laufe der Zeit in der Lage sind, sich problemlos in Umgebungen zurechtzufinden, in denen Lärm, Menschenmengen und Einschränkungen weit von denen einer sensorisch geschützten Umgebung entfernt sind (zum Beispiel in Mitarbeiterkantinen). Diese Beobachtungen untermauern die Vorstellung, dass Behinderung situationsabhängig ist und dass es jenseits sozialer Isolation einen Weg zu einer würdevollen und selbstbestimmten Gleichstellung gibt.

Daher wird bei VETA der Raum niemals isoliert betrachtet, sondern als Teil eines viel umfassenderen Rahmens gesehen. Arbeitsplätze werden bei Bedarf angepasst, doch dies geschieht in Verbindung mit Führungspraktiken, Lern smethoden, Arbeitsabläufen und der Sensibilisierung der Kolleg:innen. Gleichstellung wird nicht allein durch Architektur erreicht, sondern durch die Organisation als Ganzes.

Hierin liegt wahrscheinlich die Herausforderung, die VETA der bestehenden Forschung zu Arbeitsräumen stellt. Die physische Umgebung spielt natürlich eine Rolle. Aber sie wirkt nicht isoliert: Was einen Raum inklusiv macht, sind nicht seine Geometrie, Akustik oder Möbel; es ist das Organisationssystem, das ihm Bedeutung verleiht.

Ein Großteil der Literatur zu inklusiven Räumen geht davon aus, dass die Bedürfnisse in erster Linie beim Einzelnen liegen und durch bauliche Anpassungen berücksichtigt werden können. Die Erfahrungen von VETA verschieben diese Perspektive: Gleichstellung ist keine Eigenschaft von Räumen; sie ist eine Eigenschaft von Organisationssystemen, von denen diese Räume lediglich eine Komponente sind.

 

[1] Zuhause – Anders leben und arbeiten

Erscheinungsdatum : August 2026

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